Das Bild zeigt symbolisch Nährstoffe im Blut und wie diese aufgenommen werden

Bioverfügbarkeit einfach erklärt

 

Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Wer Medikamente einnimmt, schwanger ist oder stillt, klärt eine Nahrungsergänzung vorher ärztlich ab.

Autor: Björn Waskowsky

Veröffentlicht am: 14.12.2025

Aktualisiert am: 23.08.2026

Was bedeutet Bioverfügbarkeit?

Bioverfügbarkeit beschreibt, wie viel einer eingenommenen Substanz tatsächlich im Blutkreislauf ankommt und wie schnell das passiert. Die Fachsprache spricht von Ausmass und Geschwindigkeit der Aufnahme 1.

Warum kommt nicht einfach alles an, was man schluckt? Weil auf dem Weg einiges passiert. Die Substanz muss sich im Magen-Darm-Trakt erst lösen, dann durch die Darmwand gelangen und danach die Leber passieren, bevor sie im restlichen Körper verteilt wird. An jeder dieser Stationen geht ein Teil verloren.

Wichtig ist dabei eine Unterscheidung, die oft untergeht: Bioverfügbarkeit sagt, wie viel ankommt. Sie sagt nicht automatisch, ob das auch einen Unterschied macht. Bei vielen Nährstoffen reguliert der Körper selbst, wie viel er aufnimmt und wieder ausscheidet. Bei Magnesium zum Beispiel passen Darm und Nieren Aufnahme und Ausscheidung an den Bedarf an 2. Mehr aufgenommen heisst also nicht zwingend mehr im Körper behalten.

Wie wird Bioverfügbarkeit gemessen?

Das Grundprinzip ist einfach: Man gibt eine definierte Menge und nimmt danach über mehrere Stunden immer wieder Blut ab. Aus den Messwerten entsteht eine Konzentrationskurve. Drei Kennzahlen beschreiben diese Kurve:

Die drei wichtigsten Kennzahlen
Kennzahl Was sie beschreibt Wofür sie steht
AUC (Fläche unter der Kurve) Die gesamte Menge, die über den Messzeitraum im Blut war Ausmaß der Aufnahme
Cmax Der höchste gemessene Wert Spitzenkonzentration
Tmax Die Zeit bis zu diesem Höchstwert Geschwindigkeit der Aufnahme

Bei Arzneimitteln sind diese Messungen streng geregelt. Seit Januar 2025 gilt in der EU dafür die internationale Leitlinie ICH M13A. Sie legt fest, dass in der Regel AUC und Cmax verglichen werden, und zwar unter gleichen Bedingungen, meist nüchtern 1.

Warum ist das für dich relevant? Weil ein Vergleich nur fair ist, wenn die Bedingungen gleich sind. Eine Studie mit Einzelgabe misst etwas anderes als eine Studie über Wochen. Eine Einnahme mit Frühstück ergibt andere Werte als eine nüchterne. Wer AUC aus der einen Studie mit Cmax aus einer anderen vergleicht, vergleicht Äpfel mit Birnen.

Kurz zusammengefasst: AUC zeigt, wie viel insgesamt ankommt, Cmax die Spitze, Tmax das Tempo. Aussagekräftig ist ein Vergleich nur bei gleicher Dosis, gleicher Einnahmesituation und gleichem Studiendesign.

Ist der Blutwert immer aussagekräftig?

Nicht immer. Blut lässt sich gut standardisiert messen, deshalb wird es fast immer verwendet. Aber der Blutwert bildet nicht bei jedem Nährstoff ab, wie gut der Körper insgesamt versorgt ist. Drei Beispiele zeigen, wie unterschiedlich das sein kann.

Vitamin D: Blutwert als etablierter Marker

Für Vitamin D ist 25(OH)D im Blut der anerkannte Statusmarker. Die EFSA nutzt ihn als Grundlage für ihre Referenzwerte 3. Hier passt der Blutwert also gut.

Magnesium: Blutwert mit begrenzter Aussagekraft

Bei Magnesium ist das anders. Warum? Weil der weitaus grösste Teil des Körpermagnesiums in Knochen, Muskeln und anderen Geweben steckt und nur ein kleiner Bruchteil im Blut 2. Der Körper hält den Blutspiegel zudem in engen Grenzen. Die EFSA hält fest, dass der Serumwert den Magnesiumstatus deshalb nur eingeschränkt widerspiegelt 4, 5. Ein kurzer Anstieg nach einer Einzelgabe sagt entsprechend wenig darüber, wie gut der Körper langfristig versorgt ist.

Omega-3: Marker in den roten Blutkörperchen

Für die langfristige Versorgung mit EPA und DHA wird häufig der Omega-3-Index verwendet. Er misst den Anteil dieser Fettsäuren in den Membranen der roten Blutkörperchen 6. Da rote Blutkörperchen einige Monate leben, bildet der Wert eher die Versorgung der letzten Wochen und Monate ab als eine einzelne Mahlzeit. Mehr dazu im Omega-3-Guide.

Was die Aufnahme beeinflusst

Warum schwanken Angaben zur Bioverfügbarkeit so stark? Weil gleich mehrere Faktoren mitspielen. Die wichtigsten sind die chemische Verbindung, die Darreichungsform, die Mahlzeit und andere Nährstoffe.

Die chemische Verbindung

Mineralstoffe kommen in Supplementen immer als Verbindung vor, zum Beispiel Magnesium als Citrat, Oxid oder Bisglycinat. Der Bindungspartner bestimmt, wie gut sich die Verbindung löst. In einer randomisierten Cross-over-Studie wurde Magnesiumcitrat besser aufgenommen als Magnesiumoxid 7.

Heisst das, organische Verbindungen sind immer besser? So einfach ist es nicht. In einer Studie aus 2024 mit 40 gesunden Erwachsenen stieg der Magnesiumspiegel im Blut nach Oxid und Citrat zu einzelnen Messzeitpunkten signifikant an, nach Bisglycinat innerhalb von sechs Stunden nicht 8. Die Studie hat allerdings nur eine Einzelgabe untersucht und wurde von einem Hersteller finanziert. Ein klares Ranking lässt sich aus der aktuellen Datenlage nicht ableiten. Die Details findest du im Artikel zu den Magnesiumverbindungen.

Noch ein Punkt, der oft für Verwirrung sorgt: die Einheit. Auf dem Etikett zählt die Menge des Minerals selbst, nicht die Menge der Verbindung. 500 mg Magnesiumcitrat enthalten nur rund 80 mg Magnesium.

Die Darreichungsform (Galenik)

Galenik meint die technische Aufbereitung: Pulver, Tablette, Öl-Kapsel, Emulsion. Bei fettlöslichen Stoffen macht das einen grossen Unterschied. Coenzym Q10 ist ein gutes Beispiel. In einer randomisierten Cross-over-Studie mit 14 gesunden jungen Erwachsenen wurden sieben Q10-Präparate mit je 100 mg verglichen. Am besten schnitten zwei Weichkapseln mit gelöstem Q10 ab, eine mit Ubichinon, eine mit Ubichinol 9.

Was folgt daraus? Die Aufbereitung war in dieser Studie wichtiger als die Frage Ubichinon oder Ubichinol. Auch Übersichtsarbeiten kommen zu dem Schluss, dass Lösungsvermittler und Trägerlipide die Aufnahme von Q10 stark beeinflussen 10. Einschränkend gilt: Die Studie war klein, die Unterschiede zwischen den Teilnehmenden waren gross, und Studienprodukte und Finanzierung kamen von einem Q10-Hersteller. Mehr zu Q10 im Q10-Artikel.

Die Mahlzeit

Fettlösliche Vitamine wie Vitamin D brauchen Fett, um gut aufgenommen zu werden. In einer Studie mit 50 gesunden älteren Erwachsenen erhielten die Teilnehmenden eine einmalige Studiendosis Vitamin D3, entweder zu einer fettfreien Mahlzeit oder zu einer Mahlzeit mit 30 % der Energie aus Fett. Mit Fett lag der höchste Vitamin-D3-Wert im Blut um 32 % höher 11.

Einschränkend gilt auch hier: Gemessen wurde die Aufnahme nach einer einzelnen, sehr hohen Studiendosis. Wie stark sich das bei täglicher Einnahme auf den langfristigen Vitamin-D-Status auswirkt, beantwortet die Studie nicht. Praktisch ist der Schluss trotzdem naheliegend: Vitamin D zu einer Mahlzeit einzunehmen, kostet nichts. Mehr dazu im Artikel zu Vitamin D3 und K2.

Andere Nährstoffe

Manche Nährstoffe beeinflussen die Aufnahme anderer. Zwei dieser Zusammenhänge sind so gut belegt, dass sie in der EU als gesundheitsbezogene Angaben zugelassen sind 12:

  • Vitamin C erhöht die Eisenaufnahme.
  • Vitamin D trägt zu einer normalen Aufnahme und Verwertung von Calcium und Phosphor bei.

Mehr zum Thema Eisen findest du im Artikel zu Eisen und Ferritin.

Kurz zusammengefasst: Verbindung, Galenik, Mahlzeit und andere Nährstoffe beeinflussen, wie viel ankommt. Viele Studien dazu sind klein, untersuchen nur eine Einzelgabe und werden von Herstellern finanziert. Einzelne Prozentangaben sollte man deshalb nicht überbewerten.

Arzneimittel und Nahrungsergänzung: zwei Welten

Bei Arzneimitteln muss ein Nachahmerpräparat zeigen, dass es sich im Körper praktisch gleich verhält wie das Original. Dafür gibt es einen festen Korridor: Das Verhältnis von AUC und Cmax muss mit statistischer Sicherheit zwischen 80 und 125 % liegen 1.

Für Nahrungsergänzungsmittel gibt es nichts Vergleichbares. Sie werden nicht behördlich zugelassen. Hersteller müssen ein Produkt vor dem ersten Verkauf beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) anzeigen, das BVL prüft das Produkt dabei aber nicht. Die Verantwortung liegt beim Hersteller 13. Eine Pflicht, die Bioverfügbarkeit eines Präparats nachzuweisen, gibt es nicht.

Was bedeutet das? Aussagen wie "fünffach bessere Bioverfügbarkeit" auf einer Verpackung sind nicht behördlich geprüft. Dahinter kann eine solide Studie stehen oder eine kleine Einzelstudie unter Idealbedingungen. Welche gesundheitsbezogenen Aussagen überhaupt erlaubt sind, erklären wir im Artikel zu den Health Claims.

So liest du Bioverfügbarkeits-Versprechen kritisch

Fünf Fragen helfen, Studien und Produktangaben einzuordnen:

  • Womit wurde verglichen? "Besser als Oxid" ist eine andere Aussage als "besser als alle anderen Formen".
  • Einzelgabe oder regelmässige Einnahme? Ein kurzer Anstieg im Blut sagt wenig über die Versorgung nach Wochen.
  • Welcher Marker wurde gemessen? Passt er zum Nährstoff, etwa 25(OH)D bei Vitamin D, oder ist der Blutwert nur begrenzt aussagekräftig wie bei Magnesium?
  • Wie gross war die Studie und wer hat sie bezahlt? Viele Bioverfügbarkeitsstudien haben weniger als 50 Teilnehmende und werden vom Hersteller finanziert. Das macht sie nicht wertlos, aber es gehört zur Einordnung.
  • Stimmt die Einheit? Bei Mineralstoffen zählt die Menge des Minerals, nicht die der Verbindung.

Häufige Fragen

Was bedeutet Bioverfügbarkeit?

Bioverfügbarkeit beschreibt, wie viel einer eingenommenen Substanz im Blutkreislauf ankommt und wie schnell. Gemessen wird sie meist über den Konzentrationsverlauf im Blut, mit den Kennzahlen AUC, Cmax und Tmax 1.

Heisst höhere Bioverfügbarkeit automatisch bessere Wirkung?

Nein. Bioverfügbarkeit misst, wie viel ankommt. Bei vielen Nährstoffen reguliert der Körper Aufnahme und Ausscheidung selbst, bei Magnesium zum Beispiel über Darm und Nieren 2. Ein höherer Blutwert nach einer Einzelgabe bedeutet deshalb nicht zwingend eine bessere Versorgung.

Warum unterscheiden sich Angaben zur Bioverfügbarkeit so stark?

Weil Studien verschiedene Verbindungen, Darreichungsformen, Dosierungen, Einnahmebedingungen und Messgrössen verwenden. Viele Studien sind zudem klein und untersuchen nur eine Einzelgabe 8 9.

Sollte ich Vitamin D zu einer Mahlzeit einnehmen?

In einer Studie wurde Vitamin D3 zusammen mit einer fetthaltigen Mahlzeit besser aufgenommen als mit einer fettfreien 11. Die Einnahme zu einer Mahlzeit ist deshalb naheliegend und ohne Nachteil.

Wird die Bioverfügbarkeit von Nahrungsergänzungsmitteln behördlich geprüft?

Nein. Nahrungsergänzungsmittel werden in Deutschland nicht zugelassen, sondern nur beim BVL angezeigt. Das BVL prüft die Produkte dabei nicht, die Verantwortung liegt beim Hersteller 13.

Praxis-Fazit

Bioverfügbarkeit ist ein nützliches Konzept, aber keine einzelne Zahl, die über gut oder schlecht entscheidet. Wie viel ankommt, hängt von Verbindung, Galenik, Mahlzeit und anderen Nährstoffen ab. Und ob mehr ankommen auch mehr bringt, hängt davon ab, wie der Körper den jeweiligen Nährstoff reguliert.

Für den Alltag heisst das: fettlösliche Nährstoffe zu einer Mahlzeit einnehmen, bei Mineralstoffen auf die tatsächliche Menge des Minerals achten und Versprechen wie "x-fach besser" hinterfragen. Womit wurde verglichen, wie gross war die Studie, wer hat sie bezahlt? Wer diese drei Fragen stellt, ist schon besser informiert als die meisten Etiketten.

Quellen und Evidenzbewertung

[1] EMA. ICH M13A Guideline on bioequivalence for immediate-release solid oral dosage forms (EMA/CHMP/ICH/953493/2022), gültig seit 25.01.2025. Evidenz: 9/10 (regulatorischer Standard). EMA zurück

[2] de Baaij JHF, Hoenderop JGJ, Bindels RJM. Magnesium in Man: Implications for Health and Disease. Physiol Rev. 2015;95(1):1-46. Evidenz: 8/10 (umfassender Übersichtsartikel). DOI zurück

[3] EFSA Panel on Dietetic Products, Nutrition and Allergies. Dietary reference values for vitamin D. EFSA Journal. 2016;14(10):4547. Evidenz: 9/10. DOI zurück

[4] EFSA Panel on Dietetic Products, Nutrition and Allergies. Scientific Opinion on Dietary Reference Values for magnesium. EFSA Journal. 2015;13(7):4186. Evidenz: 9/10. DOI zurück

[5] Arnaud MJ. Update on the assessment of magnesium status. Br J Nutr. 2008;99 Suppl 3:S24-S36. Evidenz: 6/10 (Übersichtsartikel). Cambridge zurück

[6] Harris WS, von Schacky C. The Omega-3 Index: a new risk factor for death from coronary heart disease? Prev Med. 2004;39(1):212-220. Evidenz: 5/10 (methodischer Vorschlag, hier nur zur Definition des Markers zitiert). ScienceDirect zurück

[7] Kappeler D et al. Higher bioavailability of magnesium citrate as compared to magnesium oxide shown by evaluation of urinary excretion and serum levels after single-dose administration in a randomized cross-over study. BMC Nutr. 2017;3:7. Evidenz: 7/10. DOI zurück

[8] Pajuelo D et al. Comparative Clinical Study on Magnesium Absorption and Side Effects After Oral Intake of Microencapsulated Magnesium (MAGSHAPE Microcapsules) Versus Other Magnesium Sources. Nutrients. 2024;16(24):4367. Evidenz: 5/10 (Einzelgabe, n = 40, industriefinanziert). DOI zurück

[9] López-Lluch G, del Pozo-Cruz J, Sánchez-Cuesta A, Cortés-Rodríguez AB, Navas P. Bioavailability of coenzyme Q10 supplements depends on carrier lipids and solubilization. Nutrition. 2019;57:133-140. Evidenz: 5/10 (n = 14, Studienprodukte und Finanzierung durch einen Hersteller). DOI zurück

[10] Mantle D, Dybring A. Bioavailability of Coenzyme Q10: An Overview of the Absorption Process and Subsequent Metabolism. Antioxidants. 2020;9(5):386. Evidenz: 6/10 (Übersichtsartikel). DOI zurück

[11] Dawson-Hughes B, Harris SS, Lichtenstein AH, Dolnikowski G, Palermo NJ, Rasmussen H. Dietary fat increases vitamin D-3 absorption. J Acad Nutr Diet. 2015;115(2):225-230. Evidenz: 6/10 (randomisiert, Einzelgabe, n = 50). DOI zurück

[12] Verordnung (EU) Nr. 432/2012 der Kommission zur Festlegung einer Liste zulässiger anderer gesundheitsbezogener Angaben über Lebensmittel. Evidenz: 9/10 (Rechtsgrundlage). EUR-Lex zurück

[13] BVL. Werden Nahrungsergänzungsmittel zugelassen? (FAQ für Unternehmen). Evidenz: 9/10 (Behördenangabe). BVL zurück

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